Mut fühlt sich nicht immer mutig an – unser Schritt nach Bhutan als Familie
"Du hast aber Mut..." Diesen Satz habe ich oft gehört, als wir beschlossen haben, mit unserem fünfjährigen Sohn nach Bhutan zu ziehen. Und jedes Mal blieb ich innerlich kurz stehen. Denn ehrlich gesagt fühlte es sich nicht nach Mut an.

Familienausflug mit Ausblick auf Thimphu
Ich fragte mich: Ist das wirklich mutig – oder einfach die logische Folge davon, dass mein Mann als Heli Pilot einen neuen Job angenommen hat und wir als Familie zusammenbleiben wollten?
Unser Leben ist seit vielen Jahren geprägt von seiner Ausbildung und von Entscheidungen, die uns immer wieder an neue Orte geführt haben. Manchmal freiwillig, manchmal notgedrungen. Genf war die letzte Station – und sie hat uns gezeigt, wie sich ein Familienalltag anfühlen kann, wenn man mehr getrennt als zusammen ist. Wenig Planungssicherheit, wenig Zeit füreinander. Also suchten wir weiter. Und plötzlich stand Bhutan da. Ein Land, das wir kaum kannten – und das uns trotzdem gerufen hat.
Für mich persönlich war der Entscheid schnell klar. Ich liebe es, Neues zu entdecken, andere Kulturen kennenzulernen. Dafür brauche ich keinen Mut. Der Mut begann erst später.
Nämlich dort, wo es nicht mehr nur um mich ging. Unser Kind aus seiner vertrauten Umgebung zu nehmen. Seine Unsicherheiten auszuhalten. Die Verantwortung zu tragen, dass wir ihm Halt geben – auch dann, wenn ich selbst zweifle.
Und der Mut zeigte sich noch an einer ganz anderen Stelle: in dem Moment, in dem ich meine eigene Arbeitsstelle kündigte. Meine vertraute Umgebung, meinen Alltag – und vor allem meine Arbeitskollegen zurückliess. Menschen, mit denen ich gerne gearbeitet habe, die ich mochte, und bei denen sich das Gehen ein Stück weit wie ein Im-Stich-Lassen anfühlte. Diese Entscheidung fiel mir schwerer, als ich erwartet hatte.
Auch heute gibt es manchmal Momente, in denen ich mich frage, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Aber sie sind selten geworden. Viel häufiger sehe ich heute, wie sehr wir als Familie hier angekommen sind. Wenn ich sehe, wie unser Sohn über sich hinauswächst, wie selbstverständlich er Neues annimmt und wie stolz er abends nach Hause kommt, spüre ich: Wir haben uns auf dieses Abenteuer eingelassen – und es war die richtige Entscheidung für uns.
Inzwischen weiss ich noch etwas: Das Leben lässt sich nicht planen. Es hält Momente bereit, die wir uns niemals ausgesucht hätten – schöne genauso wie schmerzhafte. Gerade deshalb ist für mich Mut heute nicht mehr nur mit grossen Entscheidungen verbunden. Manchmal zeigt er sich einfach darin, weiterzugehen, dem Leben zu vertrauen und das Gute trotz allem nicht aus den Augen zu verlieren.
Vielleicht ist Mut also nicht das grosse, laute Wagnis, sondern das leise Dranbleiben, das Vertrauen, dass sich ein Schritt lohnt – auch wenn man ihn nicht jeden Tag gleich fühlt. Vielleicht bedeutet Mut auch, das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen anzunehmen und den Blick für das Schöne nicht zu verlieren. Genau darin liegt für mich der Zauber: Dort, wo Mut still wird und sich langsam in Vertrauen verwandelt.
Wo in deinem Leben spürst du gerade dieses leise Dranbleiben – oder wünschst dir, ihm mehr Raum zu geben?
Alles Liebe
deine Ornella von Faden & Raumzauber


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